Wir sind wie betäubt von den Ereignissen und Eindrücken der vergangenen Woche. In Vanuatu herrschen noch sehr naturverbundene Sitten, doch anstatt uns wie früher in den Kochtopf zu werfen, freuen sich die Bewohner über jeden Segler, der hier vor Anker geht.
Am ersten Sonntag im September wird Vatertag gefeiert. Auch wir sind zu diesem Fest eingeladen. Nach Toms Anweisungen packe ich gebratenen Fisch und Geschenke ein, bevor wir zum kleinen Dorf aufbrechen. Lois muss sich in die Reihe der Väter stellen, die nach einer würdigen Ansprache mit Blumenkränzen, Federn, bunten Tüchern und weißem Pulver dekoriert werden. Anschließend stärkt sich die Dorfgemeinschaft mit gebratenem Schwein, Huhn, dem traditionellen Laplap und allerlei Wurzeln und Knollen. Die Segler lassen sich auf einer eigenen Matte nieder und werden mit hübsch angerichtete Platten bewirtet. Toms Schwester Martha verscheucht mit einem Blütenzweig die lästigen Fliegen, während wir kräftig zugreifen. Rundherum die einfachen Hütten, fremdartige Gesichter in einer unbekannten Welt - die Situation wirkt unecht wie im Film. Wir mustern uns gegenseitig, lächeln, grüßen und führen einfache Gespräche. Neben dem landesüblichen Bislama, das in Vanuatu zur Verständigung zwischen den vielen Stämmen und Dörfern mit hunderten unterschiedlichen Sprachen eingeführt wurde, wird in den Schulen Englisch und Französisch unterrichtet. Ich beobachte die Frauen in ihren farbenfrohen Gewändern mit den Babies im Arm und die fröhliche Kinderschar, die zur Musik aus dem modernen DVD-Player rhythmische Tänze probiert. Gegen halb sechs Uhr machen wir uns auf den Heimweg. Es wird Dunkel im Dorf. Strom gibt es nur für die Musikanlage, vorausgesetzt die Segler bringen Benzin und Öl für den kleinen Generator mit.

Stanley kümmert sich um die Yachties in der Bucht von Port Resolution und begleitet uns am Montag nach Lenakel. Vier Boote sind am Wochenende angekommen und müssen erst in Vanuatu einklarieren. "Nehmt einen Polster mit", rät uns Ian vom Katamaran Moasi. Mit den anderen Seglern und mehreren Einheimischen fahren wir auf der Ladefläche eines Pickups zwei Stunden über die ausgewaschene "Mainroad" zur Westseite von Tanna. Die üppig grüne Landschaft, die Lavawüste am Fuße des Vulkans und die versteckten Dörfer mit winkenden Kindern sind beeindruckend, aber die Bandscheiben ächzen. In der Stadt halten wir zuerst bei der Bank und wechseln Bares in örtliche Vatus um. Kreditkarten werden nicht angenommen. Bei den Behörden von Customs, Immigration und Quarantäne geht es recht locker zu. Was wir in die endlosen Formulare reinschreiben, ist nicht so wichtig, solange wir die ganz beachtlichen Gebühren bezahlen. Da die Regierung kaum Steuern einnimmt, sehen wir das als unseren Beitrag für die Bevölkerung.

Die Hauptattraktion in Tanna ist der Mt. Yasur. Wo sonst kann man hautnah einen aktiven Vulkan erleben? Nach dem Aufstieg durch graues Geröll nähern wir uns vorsichtig dem Kraterrand. Aus der Tiefe steigt Qualm auf und Staub kratzt in den Augen. Wir möchten uns gerade in Position bringen fürs Erinnerungsfoto, als mich ein lauter Knall zur Seite springen lässt. Glühende Lava wird hochgeschleudert und Schwefelgestank liegt in der Luft. Bin ich hier richtig? Langsam gewöhnen wir uns an das unheimliche Getöse und wagen uns wieder näher an den Abgrund. Die Erde schickt Grüße aus dem Inneren und wir dürfen das miterleben - ohne Absperrung oder Sicherheitshinweise! Nach Sonnenuntergang wird das Spektakel noch beeindruckender. Auf dunkles Grollen folgt immer wieder ein lauter Knall, worauf ein sprühender Funkenregen den Berg in roten Schein hüllt. Yasur ist heute recht aktiv. Aufmerksam beobachten wir die Flugbahn der glühenden Lavabrocken. Damit ist nicht zu spaßen. Trotz Taschentuch vor Mund und Nase knirscht der Staub schon zwischen den Zähnen und der Schwefeldampf soll auch nicht wirklich gesund sein. Es wird Zeit, uns von dem faszinierenden Schauspiel loszureißen.

Das Ritual der Beschneidung ist ein wichtiges Ereignis im Leben eines jungen Mannes. Aus traditionellen und hygienischen Gründen wird daran festgehalten, obwohl der Eingriff sehr schmerzvoll ist. Danach verstecken sich die Buben mehrere Wochen im Busch und dürfen nur von ihren Vätern oder männlichen Verwandten betreut werden. Wenn sie wieder ins Dorf zurückkehren, wird ein großes Fest gefeiert.
Frühmorgens fahren wir in den Nachbarort zum "Circumcision Festival". Dabei wird uns deutlich bewusst, wie weit wir hier von heimischen Traditionen und Lebensformen entfernt sind. Von den umliegenden Dörfern marschieren Frauen und Kinder mit buntbemalten Gesichtern, bekleidet mit kunstvoll gefärbten Pandanusröcken und bunten Tüchern über der Brust, durch den Busch. Muskulöse Männer mit nacktem Oberkörper und Baumwolltuch um den Hüften errichten am Versammlungsplatz zwei riesige Haufen aus Yamswurzeln, Schweinekeulen, Bananenblättern, Tüchern, gewebten Matten und Körben. Mitten in die versammelte Menge werden drei jämmerlich quiekende Schweine, festgebunden an einer Stange, hereingetragen. Eines davon wird mit einem Holzstock erschlagen, bis das Blut aus dem Maul läuft, die anderen liegen zappelnd daneben. Danach ziehen die kräftigen Männer noch ein Rind auf den Platz, das sie soeben geschlachtet haben. Der Anblick der Tiere gibt dem bunten Fest eine makabre Note. Begleitet von wohlklingenden Tönen aus dem Tritonshorn ziehen bald darauf sechs Buben am Platz ein. Die Mütter und Großmütter stimmen ein jämmerliches Gezeter an vor Freude, weil sie endliche ihre Kinder wieder sehen. Alle Männer, Frauen und Kinder beginnen bei lautem Gesang einen wilden, mitreißenden Tanz. Die staunenden Zuschauer fangen das Fest mit der Kamera ein, werden weiter aber kaum noch beachtet.

Bei unseren Spaziergängen zum kleinen Dorf, zum "Main Village" und über blütengesäumte Wege zum weißen Sandstrand plaudern wir mit vielen netten Menschen. Wir möchten sehen, wie sie wohnen und wie ihr Leben abläuft. Innerhalb der großen Familien und der Dorfgemeinschaft ist für Alt und Jung gesorgt, wenn auch manche Probleme nicht zu leugnen sind. Ich versuche nachzufragen, bekomme aber selten eine für uns verständliche Antwort. Das Klima ist angenehm warm, Gemüse und Obst wächst reichlich und an Festtagen wird ein Huhn oder Schwein geschlachtet. Allerdings gibt es kaum eine Möglichkeit, Geld zu verdienen. Vom spärlichen Tourismus profitieren nur wenige und was an Gemüse und Handarbeiten in der Stadt verkauft wird, bringt auch nicht sehr viel. Darum sind wir Segler gern gesehene Gäste. Ich fülle meinen Rucksack mit alltäglichen Dingen wie Waschmittel, Seife, Milchpulver und T-Shirts, einem Kontaktkleber für den freundlichen alten Mann und Parfum und Nagellack für unsere Freundin Martha. Lois bastelt stundenlang an einer kaputten Solarlampe und bringt sie wirklich wieder zum Leuchten, wofür ihm Patrick unheimlich dankbar ist. Nach dem Prinzip des Tauschhandels werden wir mit wohlschmeckenden Vitaminen versorgt und mit herrlichen Papayas überhäuft.


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