Tausend neue Eindrücke und einen Muskelkater nehmen wir mit von unserer ersten Insel auf den Marquesas.
Nach einem ausgedehnten Frühstück, bei dem wir die unglaubliche Kulisse der Bucht auf uns wirken lassen, machen wir uns fertig zum Landgang. Im kleinen Hafen von Hanavave werden wir empfangen von einer Kinderschar. "Bonbon?" Fragende Blicke begegnen uns von allen Seiten. Vom Ankerplatz aus haben wir nicht einmal gesehen, dass hier ein Ort ist. Meine Taschen sind leer, leider. "Demain", morgen, verspreche ich ihnen. Auf der Überfahrt habe ich ein wenig meine Französichkenntnisse aufgefrischt. Jetzt in französich Polynesien kann ich sie in der Praxis anwenden.

Einfache Häuser umgeben von blühenden Sträuchern, eine Kirche, ein kleines Geschäft, eine Grundschule und eine Krankenstation - die kleine Siedlung macht einen ordentlichen Eindruck. Es ist schwer zu glauben, dass auf den Marquesas vor noch nicht allzu langer Zeit Menschenfleisch verspeist wurde, was allerdings nur ein Privileg der Oberschicht war. Diese Tradition ist Vergangenheit, belastet aber immer noch das Image der Bewohner dieser Inselgruppe.
"Bonjour Madame! Parlez-vouz francais?" Naja, ein bisschen spreche ich französisch. Braucht ihr Früchte? Pampelmusen, Mangos, Zitronen? Wir waren lange auf See und freuen uns über das Angebot der beiden Mädchen. Sie rufen ihre Mutter, die mit einem flüchtig umgebundenen Tuch bekleidet, aus dem Haus kommt. Für morgen will sie uns Früchte herrichten, heute hat sie keine. Aber zum Abendessen sollen wir kommen und noch Freunde mitnehmen. Madame Iris hätte außerdem gerne eine Regenjacke und Leuchtraketen im Tausch gegen die Vitamine und die Tochter möchte Bleistifte und Hefte...und madame, vielleicht eine Halskette oder einen Lippenstift... Nach und nach begreifen wir, wie hier Geschäfte gemacht werden. Wir versprechen nachzuschauen, was wir am Boot haben und vereinbaren das Essen für morgen Abend um sechs Uhr. Mal sehen, was da auf uns zukommt.
Auf dem Rückweg klingt aus der Kirche Gitarrenspiel und Gesang. Wir bleiben am Eingang stehen, betrachten die fülligen Damen mit den Blüten im Haar und lauschen den impulsiven Klängen - das ist Südsee live!
Iris ist am nächsten Abend nicht mehr wiederzuerkennen. Sie ist hübsch angezogen und hat in ihrem Haus den Tisch für uns und noch drei weitere Segler einladend gedeckt. In großen Schüsseln warten roher Fisch mit Kokosmilch, gebratenes Schweinefleisch, Rindfleisch mit Kartoffel, Reis und gebackene Brotbällchen auf die hungrigen Gäste. Es schmeckt hervorragend, würde aber für eine ganze Kompanie reichen. Wo die Hausfrau, die ausnahmsweise sehr schlank ist, das alles zubereitet hat, kann ich nicht verstehen. Das Haus besteht nur aus einem großen Raum und drei abgegrenzten Schlafzimmern. Ich schaue mich nach der Küche um und finde in einer Ecke einen Herd mit Töpfen, einen Kühlschrank, eine Gefriertruhe und ein einfaches Regal mit Lebensmitteln. Leiner und Co. gibt es in Fatu Hiva noch nicht. Es wird ein gemütlicher Abend in familiärer Runde. Iris und ihr Mann geben uns einen interessanten Einblick in die örtlichen Lebensgewohnheiten. Der kleine Enkel schläft in den Armen der Gastgeberin ein. Es wird Zeit zu gehen und wir möchten bezahlen. "Das ist gratis, ihr seid eingeladen." Ungläubig schauen wir uns an. Jaque, unser französischer Tischnachbar, hat heute für den Hausherrn mehrere Schweißarbeiten erledigt. Dass wir aber deshalb alle nichts bezahlen, ist schon eine Überraschung. "Merci beaucoup et bonne nuit!" Wir werden uns revanchieren.
Für Sonntag planen wir eine ausgedehnte Wanderung. Der Wettergott hält nichts davon. Über den Bergkämmen ziehen schwarze Wolken auf und es regnte den ganzen Tag. Das muss auch so sein, sonst wäre die Insel nicht so üppig grün. Am Montag lacht der Himmel. Wir schnüren die Turnschuhe, schultern den Rucksack und fahren an Land. Steil steigt die zerfurchte Straße an und windet sich den Berg hinauf. Wir marschieren munter drauf los. Die Aussicht über Bucht und Insel ist traumhaft. Im Tal glänzen die Palmen im Sonnenlicht, weiter oben wiegt sich ein Teppich von rötlichen Gräsern im Wind, und dazwischen ragen die zackigen Berggipfel auf. Heiß strahlt die Sonne vom Himmel. Der Schweiß fließt in Strömen und unsere Seglerbeine beginnen zu jammern. Zur Stärkung angeln wir uns mit einem Stock goldgelbe Bananen von einer einsamen Staude am Straßenrand. Wäre doch schade, wenn sie verfaulen. Sie schmecken wunderbar!
Im Tal machen wir noch einen Abstecher zum vielgerühmten Wasserfall. Länger als erwartet klettern wir durch unwegsames Gelände und werden am Ziel erwartet von vielen Leuten, lästigen Mücken und schmutzigem Wasser. Wir stecken unsere Füße in das erfrischende Nass, bewundern das Farbenspiel der Nachmittagssonne im Wasservorhang und machen uns nach einer wohltuenden Verschnaufpause auf den Rückweg zu unserem schwimmenden Heim.

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