Offiziell sind wir bereits in Haapai. Am Montag haben wir von Neiafu, dem Hauptort in der Vava´u Gruppe ausgecheckt und angegeben, wir segeln Richtung Süden in die Haapai Gruppe und dann weiter nach Tongatapu mit der tonganischen Hauptstadt Nukualofa.
Tatsächlich liegen wir vor Anker im Norden unserer "Privat"-Insel, die üppig bewachsen ist und von weißem Korallensand umrahmt. Ein weit ausladendes Riff schützt uns vor den Wellen. Das Wasser ist glasklar und kitschig blau. Es könnte Schlimmeres geben, als hier warten zu müssen, bis der Wind von Süd wieder auf Ost dreht. Am Samstag soll es so weit sein. Der Zwischenstopp wird uns nicht zu lang. Wir bereiten die umfangreichen Einreisepapiere für Neuseeland vor, bringen Felix für die Überfahrt auf Vordermann und springen dazwischen ins erfrischende Nass.
Die Vava´u Gruppe im Norden des Königreichs Tonga mit ihren über fünfzig Inseln und traumhaft schönen, geschützten Ankerplätzen ist das Segelparadies der Südsee. Wir können uns nicht sattsehen an der bunten Vielfalt der Korallen, die wir beim Tauchen, aber auch einfach mit Schnorchel und Brille bewundern. Es gibt also doch noch eine intakte Unterwasserwelt. Die Buchten in der Nähe von Neiafu sind dicht belegt. Zur leichteren Orientierung sind sie von 1 bis 42 durchnummeriert. Vor dem Absprung nach Neuseeland versammelt sich die Seglerflotte zu letzten erholsamen Tagen und vielen gemeinsamen Unternehmungen. UKW Kanal 16 steht nie still, obwohl er ganz vorbildlich nur als Anrufkanal genutzt wird. Auch wir treffen altbekannte Freunde und lernen immer wieder neue Segler kennen. Beim Frühschoppen, beim Sundowner oder im gemütlichen "Aquarium Cafe" wird getratscht und getratscht und getratscht. Jeder einzelne hat viel zu berichten von fremden Ländern und langen Überfahrten. Thema Nummer 1 ist aber die richtige Wetter- und Routenstrategie für die gut tausend Meilen, die vor uns liegen. Vor dieser Strecke haben alle Seglerkollegen Respekt, weil sie wahrscheinlich, genau wie wir, schon einige rauhe Bedingungen erlebt haben und die Nerven gegen Ende der Saison dadurch dünner geworden sind.

Nein, wir gehen nicht zur "All you can eat - Party" auf Ankerpkatz 11. Mir schwirrt schon der Kopf vom Seglerlatein. Wir klinken uns aus und verbringen ein fantastisches Wochenende in Matamaka, einem kleinen Dorf ganz in der Nähe. Kaum setzen wir den Fuß an Land, sind wir umringt von neugierigen Kindern. Sie nehmen uns an der Hand und führen uns über staubige Wege und Wiesen durch den Ort. Hunde, Hühner und Schweine laufen herum zwischen einfachen Häusern. Stolz zeigen uns die Kinder ihre neue Schule, die unter Mithilfe der EU errichtet wurde. Die elfjährige Roxanne ist die Älteste von sechs Geschwistern. Ihre Eltern sind gerade damit beschäftigt, Pandanusblätter zu ernten, die dann in mühevoller Arbeit geschnitten und getrocknet werden. Die Frauen weben daraus Matten und diverse Gebrauchs- und Ziergegenstände. Auch der Tavala, der typische tonganische Überrock der Männer, wird aus diesen Blättern gefertigt. Ben und seine Frau sprechen sehr gut englisch und sind gerne bereit, die vielen Fragen von uns "Palangis" zu beantworten.
Nach der sonntäglichen Kavazeremonie, an der außer mir nur Männer teilnehmen, und dem Kirchgang, besuchen wir die Familie zu Hause. Es ist nicht aufgeräumt, meint die Hausfrau zögernd. Ich bemühe mich, mein Staunen nicht zu zeigen. Für unsere Begriffe sind die Lebensumstände unvorstellbar. Außer einigen Matratzen und einem Gaskocher gibt es keine Möbel. Ein kleines Mädchen liegt auf einer Matte mitten im Raum und schläft. Es hat Fieber, Husten und einen Ausschlag am ganzen Körper. Die Mutter sitzt daneben und stillt den sechs Monate alten William, der als einziger Sohn das Nesthäkchen der Familie ist. "Was gibst du deiner Tochter gegen den Husten und dem wässrigen Ekzem?" Ein ratloser Blick ist die Antwort.
Ich fülle am Boot eine große Plastiktasche mit Kakao, Milchpulver, Mehl, Reis, Taschentüchern, Seife, T-Shirts, Socken und Medikamenten und ein paar Dosen Corned Beef, um die uns Ben gebeten hat. Auch Kandiszucker und Zwiebel packe ich ein und gebe mein altbewährtes Rezept für Hustensaft weiter. Diese einfachen Dinge, von denen wir uns leicht trennen können, lösen helle Begeisterung aus. Skeptisch kosten sie die eigenartigen Zuckerstücke und die Kinder schneuzen sich zur Abwechslung in hygienische Papiertücher, statt in ihre Kleidung. Die Familie revanchiert sich mit erntefrischen Ananas und Bananen. Fürs Sonntagessen geben sie uns einen Bärenkrebs und eine Krabbe mit, die ich in Salzwasser koche und mit Süßkartoffel und Salat serviere. Im 5-Sterne-Restaurant würden wir viel dafür bezahlen müssen, was sich in Tonga wiederum jeder leisten kann.

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