Ein Mann und eine Frau im kleinen Alu-Motorboot lotsen uns zum Ankerplatz am Außenriff. "Plopp!" Als wir später ins Wasser gehen, sehen wir, der Anker liegt mitten in den Korallen auf einem breiten, etwa zwölf Meter tiefen Riffvorsprung, der das gesamte Atoll umgibt. Felix schwebt bereits über einer Wand, die senkrecht in die Tiefen des Meeres abfällt. Es wäre besser gewesen, an einer Mooring festzumachen, um die Hartkorallen nicht zu beschädigen. "Sorry!"
Das Paar legt kurz bei uns an. "Welcome to Palmerston Island! Wenn ihr an Land möchtet, ruft uns über Funk. Mit dem Beiboot ist die Riffeinfahrt schwierig zu passieren und ihr gehört jetzt zu unserer Familie." Etwas ungläubig schauen wir uns an, als Bob und seine Frau Tupon Richtung Lagune entschwinden und gönnen uns erst mal ein Nickerchen. Gegen Mittag bekommen wir Besuch von zwei Männern und einer Frau in schicken blauweiß geblümten Hemden und Aktentasche unterm Arm. Der Amtsschimmel wiehert auch im Paradies. Wir füllen Formulare aus für Immigration, Customs und Health, liefern 70,- US-Dollar ab und müssen ein Schmunzeln unterdrücken. Zu unrealistisch und steif wirkt die Szene in dieser traumhaft schönen Gegend.
Die Palmeninsel, umrahmt von weißem Korallensand in einer glasklaren Lagune zeigt erst beim Landgang ihr wahres Gesicht. Anno 1863, vor kaum einhundertfünfzig Jahren also, hat der Engländer William Marsters von der Insel Penrhyn drei Frauen erwählt - oder entführt... - und sich auf Palmerston Island niedergelassen. Mit seinen vierundzwanzig Kindern ist er der Stammvater der heute vierundfünfzig Bürger zählenden Gemeinde. Nach den drei Frauen ist die Insel in drei Bezirke geteilt. Es gibt beinahe mehr Verwaltungsposten als erwachsene Bewohner. Beeindruckend ist das Schulsystem organisiert. Die Kinder werden von sechs bis achtzehn Jahren in nur einem Raum unterrichtet. Sie haben ein eigenes Abteil, arbeiten mit Feuereifer selbständig und zeigen ein blaues oder weißes Fähnchen, wenn sie Unterstützung von der Lehrerin brauchen. Konkurrenzdenken oder Schummeln sind Fremdwörter. Die Schüler überprüfen sogar selbst mit einem Antwortheft ihre Arbeiten und wirken aufgeschlossen, höflich und intelligent.

Seit drei Jahren ziehen wir über die Meere. Zum ersten mal haben wir das Gefühl, dass wir dazugehören. Am Samstag sitzen wir zusammen mit einem zweiten Seglerpaar ganz ungezwungen bei Bob, Tupon und ihren vier Kindern am Mittagstisch. Danach schnallen wir uns die Tauchflaschen um und befestigen in vierundzwanzig Meter Tiefe eine neue Mooringleine an einem schweren Anker. Eine Hand wäscht die andere. Wir revanchieren uns gerne und helfen auch mit alltäglichen Dingen aus. Das Versorgungsschiff vom 280 Meilen entfernten Rarotonga kommt höchstens alle vier Monate vorbei. Da können Klopapier, Spülmittel und Zucker schon mal ausgehen, und Bob braucht Benzin für seinen Außenborder.
Am Sonntag wird nicht gefischt, getaucht oder sich sonstwie angestrengt. Es ist der Tag des Herrn. Bob holt uns ab zum Kirchgang. Kleine Mädchen sind herausgeputzt in hübschen Rüschenkleidchen, Die Herren tragen saubere Hemden und lange Hosen und die Damen ein elegantes Kleid und - ganz wichtig - einen Hut. Auch wir Seglerfrauen bekommen einen Leihhut verpasst - sehr schick! Von der alten Frau, die die Glocke läutet, werden alle Kirchenbesucher mit einem herzhaften Kuss willkommen geheißen. Streng getrennt nach Männern und Frauen lauschen wir andächtig den eindringlichen Worten des Reverends und den teilweise schrillen und schrägen Gesängen der Gemeinde.
Schon in der Früh haben Tupon und ihre Töchter das Mittagessen vorbereitet. Wahoo in Kokosmilchsauce und gedünstetes Huhn mit Reis schmecken herrlich und das Schokoladeeis mit Kuchen zum Dessert ist eine seltene Köstlichkeit für uns Segler. Beim Verdauungsspaziergang über die Insel machen wir bei anderen Familien Rast. Überall ein freundlicher Willkommenskuss, Saft oder eine Trinknuss zur Erfrischung und eine nette Plauderei, so erfahren wir viel über das Inselleben. Die Eltern- und Großelterngeneration strahlt eine tiefe Zufriedenheit aus. Auch wenn alle paar Jahre ein Zyklon über Palmerston hinwegfegt, sie nehmen es gelassen und sorgen gemeinsem wieder für Ordnung. Die Jugendlichen reizt klarerweise die weite Welt. Die Insel bietet zu wenig Unterhaltung und Berufsmöglichkeiten und außerdem finden sie hier keinen Partner fürs Leben. Alle sind verwandt. So ziehen sie weg nach Neuseeland oder Australien und kommen kaum wieder zurück.

Bei Tagesanbruch lichten wir nach einer unruhigen Nacht den Anker. Der Wind hat auf Süd gedreht und verursacht starken Schwell. In vier Tagen haben wir Palmerston Island und seine Bewohner ins Herz geschlossen. Wir haben viel gelernt über das Leben auf einem Pünktchen im Pazifik und werden noch oft an "unsere Familie" denken.

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