Es ist sechs Uhr und immer noch finster. Ganz langsam zeichnet sich im Osten der erste Lichtschein ab. Wir sind zwölf Längengrade nach Westen gezogen und haben dadurch Zeit verloren. Die Uhren werden hier aber noch nicht zurückgestellt. Laut GPS sind wir nur mehr vier Meilen von der Nordspitze des Palmerston-Atolls entfernt. Angestrengt starre ich in die Dunkelheit. Die Inseln sind von einem breiten Riff umgeben und die Seekarten stimmen nicht immer ganz genau. Die ganze Nacht sind wir nur mit stark gereffter Genua gesegelt, um bei Tageslicht anzukommen. Felix war trotzdem kaum zu bremsen. Die kleine Segelfläche und die Stautasche des Großsegels haben ihn vorwärts getrieben. Ich bin erleichtert, als sich ein Streifen am Horizont abzeichnet, ein Stück Land im weiten Ozean. Einige Zeit danach erkenne ich auch die Brandung am Riff. Jetzt kann ich mich nach Sicht orientieren und gefahrlos entlang der Westseite des Atolls Kurs auf Palmerston Island nehmen. Käpt`n Alois schläft tief und fest. Wir haben anstrengende Tage hinter uns, darum ist auch der tägliche Bericht ausgefallen, der mir sonst auf Überfahrten zur Gewohnheit geworden ist.
Von Anfang an hatten wir guten Wind und legten 150 bis 170 Meilen am Tag zurück, was in der Seefahrt als Etmal bezeichnet wird. Durch das starke Schlagen der Wellen gegen den Rumpf konnte ich erst schlafen, wenn ich hundemüde war. Nach den vier Monaten in französich Polynesien sind wir lange Überfahrten nicht mehr gewohnt.
Gestern haben wir zu allem Überfluss noch eine auf den Deckel bekommen. Das Wetterleuchten ist bereits in der Nacht zu sehen. Am Vormittag bildet sich eine dichte Wand. Der Wind legt rasch zu, es schüttet, blitzt und donnert. Bald ist es rundherum grau in grau. Regen fegt waagrecht über die schäumenden Wellen. Der Windmesser zeigt vierzig Knoten und mehr. Optisch bin ich von dem Szenario begeistert, wäre eine perfekt Kulisse für einen harten Seefahrerfilm. Wir überlegen, wie wir am schnellsten aus dieser Front rauskommen. Gottlob haben wir rechtzeitig den Parasailor geborgen und nur die Genua ein kleines Stück gesetzt. Nach unserem anfänglichen Versuch, nach Norden auszuweichen, setzen wir dann die Fahrt mit westlichem Kurs fort. Schlauen Büchern zu Folge ziehen diese Gewitterfronten im rechten Winkel zur vorherrschenden Windrichtung, was bei Ostwind bedeutet von Süden nach Norden. Aufmerksam halten wir Ausschau nach einem Lichtblick in diesem Unwetter und freuen uns wie die Schneekönige über das erste Blau am Himmel.

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